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Yōkaisuche in Japan und darüber hinaus!

Yōkaisuche in Japan und darüber hinaus!

Füchse mit zwei Schwänzen, ein Regenschirm mit nur einem Fuß oder Geister mit langen schwarzen Haaren – all diese Figuren stammen auf die eine oder andere Weise aus der japanischen Mythologie. Dort begegnet man unzähligen faszinierenden Wesen, die mich seit vielen Jahren begeistern. Deshalb beschäftige ich mich sowohl wissenschaftlich als auch popkulturell mit japanischer Mythologie – und habe sogar einen Roman darüber geschrieben. In diesem Beitrag möchte ich euch Yōkai und Yūrei ein wenig näherbringen.

Doch was sind Yōkai und Yūrei überhaupt?

Der Versuch einer Definition

»Das Problem an den Legenden der Menschen ist, dass ihr uns nicht genau unterscheidet. Klar, ihr kennt Yōkai und Yūrei, aber wir sind für euch alles Mononoke, alles Monster. Doch es gibt einen bedeutenden Unterschied zwischen Yōkai und Yūrei: Wichtig zu wissen ist, dass unsere Umwelt, die ganze Natur, eine Seele besitzt. Von der kleinen Wurzel bis zum großen Baum, jeder Fluss, jeder Wasserfall, jede Lichtung hat seine eigene Seele und kann von einem Gott, einem Kami, bewohnt werden. Deshalb gibt es auch so viele Kami.«

(Aus »Geisterfall (Saat des Paktes 1)«, Teil 3, gesagt von Oiwa)


So beschreibt Oiwa, eine der vier Hauptfiguren meines Romans »Geisterfall (Saat des Paktes 1)«, Yōkai und Yūrei. Damit kommt sie einer Definition bereits recht nahe – doch schauen wir uns die Begriffe etwas genauer an.

Der Begriff »Yōkai« wird häufig mit Schlagworten wie »weird«, mysterious creature«, »spirit« oder »monster« beschrieben. Yōkai sind also Wesen, die zwischen den Welten existieren: nicht menschlich, aber dennoch Teil unserer Realität. Heute dient »Yōkai« oft als Sammelbegriff für übernatürliche Wesen der japanischen Mythologie. Verbreitet wurde der Begriff im 18. Jahrhundert und er stammt ursprünglich aus dem Chinesischen. Davor nutzte man Bezeichnungen wie »Mononoke«, »Bakemono« oder »Oni«, um ähnliche Erscheinungen zu beschreiben.

Die Grenzen zwischen Yōkai und Kami – also Gottheiten oder göttlichen Wesen – sind dabei oft fließend. Etwas klarer, wenn auch nicht vollkommen eindeutig, ist die Abgrenzung zu den Yūrei.

Unter »Yūrei« versteht man japanische Geister. Sie entsprechen allerdings nicht ganz unserem westlichen Geisterbild. Typischerweise erscheinen Yūrei als Verstorbene – häufig Frauen – mit langen schwarzen Haaren und weißer Begräbniskleidung, begleitet von schwebenden Geisterlichtern, den sogenannten Hitodama. Im Gegensatz zu Yōkai handelt es sich bei einem Yūrei immer um eine konkrete verstorbene Person. Yōkai hingegen können auch Naturphänomene oder abstrakte Erscheinungen verkörpern.

Außerdem treten Yūrei meist zu bestimmten Zeiten auf – traditionell im dritten Viertel der »Stunde des Ochsen«, also etwa zwischen zwei und halb drei Uhr nachts. Damit kommen sie unserer westlichen Vorstellung der Geisterstunde erstaunlich nahe. Besonders spannend finde ich, dass viele Yūrei-Geschichten auf historischen Persönlichkeiten basieren oder mit realen Ereignissen verknüpft sind.

Ob Yūrei als Untergruppe der Yōkai betrachtet werden können, ist bis heute umstritten. Festhalten lässt sich aber: »Yōkai« dient häufig als Oberbegriff für übernatürliche Wesen der japanischen Mythologie, während Kami eher göttliche Wesen und Yūrei die Geister Verstorbener repräsentieren. Yōkai bewegen sich dagegen oft an der Schwelle zwischen Menschenwelt und Übernatürlichem und nehmen die unterschiedlichsten Formen an. Vermutlich entstanden viele dieser Geschichten einst, um unerklärliche Naturphänomene oder seltsame Ereignisse zu erklären.

Yōkai im japanischen Alltag

Der Glaube an Yōkai ist in Japan heute weder besonders aktiv noch völlig verschwunden – vielmehr ist er tief in die Kultur eingebettet. Deshalb begegnet man diesen Wesen immer wieder, manchmal ganz beiläufig. Auch auf meinen drei Reisen nach Japan bin ich zahlreichen Yōkai und mythologischen Figuren begegnet.

Besonders sichtbar sind sie natürlich an Shinto-Schreinen. Diese sind Kami gewidmet, weshalb dort häufig entsprechende Darstellungen zu finden sind. An Inari-Schreinen stehen beispielsweise zahlreiche Fuchsfiguren, da Füchse als Boten der Gottheit Inari gelten (siehe Bild).

Doch auch abseits religiöser Orte tauchen mythologische Wesen im Alltag auf. So entdeckte ich auf Hausdächern kleine Kami-Figuren, die Gebäude vor Feuer schützen sollen. Tanuki-Statuen wiederum stehen oft vor Geschäften oder Wohnhäusern und gelten als Glücksbringer für Wohlstand und Erfolg.

Besonders viele Yōkai begegneten mir auf dem Berg Takao. Der Legende nach leben dort Tengu – vogelartige Yōkai mit langen Nasen oder Schnäbeln. Tatsächlich begegnete ich ihren Darstellungen überall auf dem Berg. Teilweise dienten sie sogar als Wächterfiguren an Schreintoren, was ich besonders faszinierend fand. In einem Tempel konnte ich schließlich einen Fächer mit einem Tengu-Motiv kaufen, der heute einen Ehrenplatz bei mir zu Hause hat.

Auch auf Enoshima entdeckte ich eine kleine Kappa-Figur, die ich besonders niedlich fand. Wenn ihr also einmal nach Japan reist und aufmerksam durch die Straßen geht, werdet ihr Yōkai vermutlich schneller begegnen, als ihr denkt.

Auf den Spuren der Yūrei

Neben Yōkai begegnete ich in Japan auch zahlreichen Geisterlegenden. Besonders eindrucksvoll war mein Besuch der Burg Himeji, die eng mit der Geschichte von Okiku verbunden ist. Der Legende nach arbeitete sie einst auf der Burg und wurde durch Intrigen zu einem rastlosen Geist.

Dort konnte ich sogar den Brunnen sehen, in dem ihr Geist der Überlieferung nach leben soll – leider wurde dieser gerade restauriert (siehe Bild). Besonders spannend fand ich außerdem einen kleinen Schrein unter dem Dach der Burg, in dem ebenfalls ein Geist wohnen soll. Solche Orte regen meine Fantasie jedes Mal aufs Neue an.

Yōkai in der Popkultur

Natürlich existieren Yōkai nicht nur in historischen Erzählungen, sondern auch in der modernen Popkultur. Gerade in Japan begegnet man ihnen überall – in Ausstellungen, Anime, Manga oder Merchandise-Shops.

Während meiner Reisen besuchte ich beispielsweise eine Ukiyo-e-Ausstellung mit Katzenmotiven. Dort wurden auch sogenannte Yōkai-Katzen gezeigt, darunter Bakemono-Katzen und Nekomata. Nekomata erkennt man oft an ihrem gespaltenen Schwanz. In vielen Darstellungen tanzen sie zudem mit einem Handtuch auf dem Kopf – genau wie auf dem Bild aus der Ausstellung.

In Kurashiki entdeckte ich außerdem ein Geschäft mit Kunstwerken zu den Yōkai-Interpretationen von Shigeru Mizuki, dem Schöpfer von »GeGeGe no Kitaro«. Mizuki prägte das moderne Bild der Yōkai nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich. Ebenfalls in Kurashiki fand ich eine Statue von Momotaro und seinen tierischen Begleitern. In der bekannten japanischen Volkserzählung zieht Momotaro aus, um gegen Oni – also Dämonen – zu kämpfen.

Auch aktuelle Anime und Manga greifen Yōkai immer wieder auf. In einem Merchandising-Geschäft fotografierte ich beispielsweise ein Poster zu »A Terrified Teacher at Ghoul School!« von Mai Tanaka. Selbst Pokémon orientieren sich teilweise an klassischen Yōkai-Konzepten.

Und wo findet ihr Yōkai in »Geisterfall«?

Wie ihr merkt, begleiten mich Yōkai schon sehr lange – und sie haben mein kreatives Arbeiten stark geprägt. Besonders deutlich wird das natürlich in meinem Roman »Geisterfall«.

In meiner alternativen Version Tokios der 1920er Jahre leben Menschen und Geisterwesen aufgrund eines Paktes miteinander. Unter »Geisterwesen« fasse ich dabei Yōkai, Kami und Yūrei zusammen. In »Saat des Paktes 1« erfahren wir zunächst, dass dieser Pakt es den Yōkai erlaubt, innerhalb der Städte zu leben – allerdings nur in streng abgegrenzten Bereichen.

Warum dieser Pakt geschlossen wurde und welche Konsequenzen er für Menschen und Geisterwesen hat, möchte ich euch noch nicht verraten.

Gemeinsam mit der Hauptfigur Sai lernen die Leser*innen jedoch nach und nach verschiedene Yōkai kennen. Dabei war es mir besonders wichtig, mich eng an den ursprünglichen Mythen zu orientieren. Seit den 1970er Jahren wurden viele Yōkai-Darstellungen zunehmend niedlicher interpretiert – der Kappa gilt heute beispielsweise oft als Symbol für Umweltschutz. Historisch waren Yōkai jedoch häufig bedrohliche oder ambivalente Wesen. Genau diese Vielschichtigkeit wollte ich auch in »Geisterfall« darstellen.

Ich hoffe, dass meine Begeisterung für diese Wesen beim Lesen spürbar wird – und vielleicht sogar auf euch überspringt.

(Ein Glossar im Roman erklärt außerdem die jeweiligen Yōkai und ihre ursprüngliche mythologische Bedeutung.)

Leseempfehlungen

Wenn ihr jetzt noch tiefer in die Welt der Yōkai eintauchen möchtet, kann ich euch folgende Bücher empfehlen:

Literarische Einstiege
  • Lafcadio Hearn: Japanese Ghost Stories
  • Kyota Ko: Horror Tales of Japan
Wissenschaftliche Einführungen
  • Hiroko Yoda & Matt Alt: Yōkai Attack! The Japanese Monster Survival Guide
  • Hiroko Yoda & Matt Alt: Yūrei Attack! The Japanese Monster Survival Guide
  • Michael Dylan Foster: The Book of Yōkai
    (wissenschaftliche Abhandlung zum Thema)

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