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Mein Leben in der Seifenblase

Mein Leben in der Seifenblase

Heute ist der internationale Tag der Menschen mit Behinderung. Zu diesem Tag habe ich beschlossen ein bisschen was über meine eigene Neurodiversität und wie diese mein Schreiben beeinflusst, zu schreiben. Das möchte ich machen, damit ihr wisst, was euch bei meinen Büchern erwartet.

Hätte mir vor einem Jahr jemand gesagt, dass ich eine „Behinderung“ (ja, ich finde diesen Begriff ganz schrecklich) hätte, dann hätte ich das nicht geglaubt. Ich wusste zwar, dass ich mich irgendwie anders verhalte, aber hatte das immer auf mich selbst geschoben.

„Du bist schuld, dass du nicht so bist wie die anderen.“

„Warum hast du das nicht verstanden?“

„Warum bist du lieber allein?“

„Interessiere dich doch mal mehr für andere!“

„Zeig doch mal deine Freude!“

„Du musst mehr mit Gleichaltrigen reden.“

Diese und mehr Gedanken und Vorwürfe habe ich über die Jahre immer mehr gehört und mir selbst gemacht. Nun weiß ich aber inzwischen, dass es einen Grund gibt, warum ich so bin: Ich gehöre ins Autismus-Spektrum, kann aber meinen Autismus gut verschleiern. Zwar weiß ich, dass ich, selbst wenn ich nicht ins Spektrum gehören würde, trotzdem eine Berechtigung habe, so zu sein, wie ich bin, aber trotzdem hilft mir die Diagnose mit mir und meinen Schwächen zu leben.

Neurodivers – auch das noch?

Zu Beginn, als meine Therapeutin den Verdacht äußerte, dass ich ins Spektrum gehören könnte, war ich sehr geschockt. Ich wollte nicht anders sein. Schließlich habe ich mein ganzes Leben lang angepasst, um zu sein, wie alle anderen. Reichte es nicht, dass ich Depressionen und Zwangshandlungen habe? Diese Frage ging mir durch den Kopf und ich hatte wahnsinnige Angst, wie mein Umfeld darauf reagieren würde. Aber nach und nach und in vielen Gesprächen merkte ich, dass meine anderen Probleme, wie die Depression und die Zwangshandlungen, aus dem Autismus resultierten. Auch verstand ich langsam, warum ich mich in vielen Dingen so schwergetan habe – und das war sehr entlastend für mich.

Im Moment befinde ich mich immer noch in einem Akzeptanzprozess. Ich habe oft Angst, was andere von mir denken, wenn ich ihnen sage, dass ich neurodivers bin und fühle mich in vielen Interaktionen ganz schrecklich. Trotzdem glaube ich, dass das ein wichtiger Schritt war. Ich möchte offen mit meinem Autismus, den ich nicht als Behinderung, sondern als einen anderen Blickwinkel auf die Welt betrachte, umgehen. Damit möchte ich es anderen Menschen leichter machen mit ihrer Neurodiversität umzugehen und sich selbst zu akzeptieren. Dies hätte ich mir auch wahnsinnig gewünscht – und wünsche es mir an Tagen, an welchen es mir schlecht geht, immer noch.

Das Leben ist wie Autofahren ohne Routine

Wie lebt es sich aber mit Autismus? Meine Therapeutin hat einen guten Vergleich: Autismus hat oftmals etwas mit sozialer Interaktion und Kommunikation zu tun. Seit unserer Geburt lernen wir diese Art von Kommunikation und irgendwann können wir sie intuitiv – wie beim Autofahren. Kurz nach der bestandenen Führerscheinprüfung müssen wir uns sehr konzentrieren alle Verkehrsschilder zu sehen und auf die anderen Verkehrtsteilnehmenden zu achten. Irgendwann wird uns das Fahren jedoch nach und nach leichter. Wir können uns während der Fahrt unterhalten, Musik hören oder manchmal kurz unsere Gedanken schweifen lassen. Kurz unsere Aufmerksamkeit und Energie ist nicht mehr vollkommen auf das Autofahren gerichtet.

Nun stellt euch aber vor, dass es diesen Gewöhnungs- und Verständnisprozess nicht gibt. Stellt euch vor, dass ihr jedes Mal, wenn ihr in ein Auto steigt das Fahren von vorne lernen müsst. Klingt anstrengend und schrecklich? So geht es mir mit meinem Autismus. Jede soziale Interaktion beherrsche ich nicht intuitiv. Ich muss sie immer und immer wieder von vorne lernen. Ihr könnt euch das so vorstellen, dass ich, wenn ich jemanden kennenlerne, mich sehr zurückhalte, den Gegenüber beobachte und versuche zu analysieren, wie sich die andere Person verhält und ich das einzuordnen habe. Und das mache ich immer. Bei jedem Gespräch analysiert ein Teil meines Gehirns die Kommunikation der anderen – und liest es teilweise trotzdem falsch. Dieser Prozess ist wahnsinnig aufwändig und kraftraubend. An manchen Abenden bin ich froh, wenn ich allein in meinen Zimmer sitze und herunterfahren kann.

Aber nicht nur die soziale Interaktion mit all ihren Tücken und Missverständnissen fällt mir schwer. Nein, ich brauche feste Regeln und kann nicht damit leben, wenn diese gebrochen werden. Dann werde ich nervös und mir geht es schlecht – das ist beispielsweise ein Grund, warum sich die Zwangshandlungen entwickelt haben. Auch meine ausgeprägten Interessen, über die ich stundenlang Vorträge halten kann, machen es mir nicht leicht, sympathisch zu sein.

Ich könnte die Liste jetzt sehr lang fortführen, aber ich denke, dass ich sie hier an diesem Punk beende, um euch einen kleinen Einblick in das Leben einer Person mit Autismus zu geben (wobei immer erwähnt werden sollte, dass jede Person, die ins Spektrum gehört dieses anders wahrnimmt). Ich kämpfe also oft gegen mich selbst und eine Welt, die für neurotypische Menschen ausgelegt ist. Die Angst anders zu sein und niemanden zu finden, der das akzeptiert, bleibt dabei mein ständiger Begleiter.

Meine eigene Metapher, die ich sehr gerne einmal in eine Geschichte packen möchte, ist, dass ich das Leben wie eine Person in einer Seifenblase wahrnehme. Um mich herum ist alles verschwommen, aber ich sehe meine Umwelt und kann sie doch nicht berühren, ohne, dass meine Schutzschicht zerbricht.

Mein Schreiben und die Neurodiversität

Nach dieser langen Vorrede will ich kurz über mein eigenes Schreiben und meine Neurodiversität sprechen. Ich schreibe schon seit ich 12 Jahre bin und eine fiktionale Welt bietet mir einen leichteren Zugang zu Gefühlen und anderen Verhaltensweisen. Trotzdem habe ich oftmals das Gefühl, dass sich mein Schreiben von den Werken neurotypischer Autor*innen unterscheidet. In mir wächst (die übrigens nicht unbegründete und durch mehrere Verlagsabsagen gefütterte) Angst, dass ich keine nachvollziehbaren Charaktere schreiben kann.

Meine Charaktere werden, mindestens einer pro Geschichte, neurodivers. Das kommt bei mir automatisch, ohne, dass ich lange darüber nachdenke. Außerdem ist mir das an großes Anliegen, weil ich mich immer selbst freue, wenn ich eine Geschichte mit einer neurodiversen Person lese. Nun schreibe ich aber als neurodiverse Person neurodiverse Figuren und diese denken und fühlen anders. Aus diesem „Anders“ kommt die beschriebene Angst, dass keine Texte unverständlich sind. Ich weiß noch nicht, wie ich diese Angst überwinden soll und werde sicher noch einen langen Weg vor mir haben.

Was ich mir wünschen würde

Der letzte Absatz ist ein weitgefasstes Feld. Es gibt viele Dinge, in denen ich mir eine Veränderung wünschen würde, aber ich fasse jetzt zwei Bereiche ins Blick: der Alltag und die Verlagswelt.

Damit zuerst zum Alltag. Hier würde ich mir mehr Offenheit wünschen. Gerade bei Neurodiversität gibt es noch sehr viele Vorurteile und falsche Vorstellungen. Ich würde mir wünschen, dass vielleicht ein bisschen Rücksicht auf die neurodiversen Menschen genommen wird. Damit meine ich beispielsweise Kleinigkeiten, wie dass klar ist, dass nicht alles für alle Personen verständlich ist. Am Schlimmsten sind für mich beispielsweise Fragen wie „Wieso hast du das nicht verstanden?“ Was soll ich da machen? Ich möchte mich nicht seelisch nackt machen und meine Defizite erklären. Stattdessen wäre es doch nett einfach zu fragen: „War das verständlich für dich? Wie soll ich es dir erklären?“ Auch freut es mich, wenn Personen, die über meine Neurodiversität wissen, mich fragen, was sie machen müssen, dass ich mich wohlfühle. Das sind diese Kleinigkeiten, die mir zeigen, dass ich so respektiert werde, wie ich bin.

Nun zur Verlagswelt. Ein paar Worte davor: Ich weiß, dass Verlage Geld verdienen müssen und aus diesem Grund die Bücher bzw. Manuskripte ausgewählt werden, aber ich träume eben manchmal noch. Ich würde mir in der Verlagswelt die Offenheit für Themen der Neurodiversität wünschen. Ausschreibungen, die für solche Menschen sind, oder das Signalisieren auf der Website, dass ich von meinem Autismus erzählen darf. Ich habe kein Problem an meinen Manuskripten etwas zu ändern, weil die Figuren nicht passen – aber weil die Verlagswelt auf neurotypische Manuskripte ausgelegt ist, werde ich von vornherein aussortiert. Deshalb würde ich es mir wünschen, dass ich bei einer Bewerbung schreiben könnte, dass ich neurodivers bin. Ich will dabei keine Sonderbehandlung, aber vielleicht sollten meine Texte unter anderen Gesichtspunkten angesehen werden. Vielleicht haben neurodiverse Menschen auch die Chance verdient ihre Geschichten zu erzählen.

Was bekommen neurotypische Menschen, wenn sie auf uns (bzw. auf mich) Rücksichtnehmen? Ich kann es nicht sagen, ob es eine Bereicherung ist, aber ich kann es mir vorstellen: Denn, wenn man sich auf eine andere Sichtweise einlässt, dann erweitert man seinen Blick auf die Welt. Vielleicht sehe ich in meiner Seifenblase etwas, was ihr sonst nicht seht. Was meint ihr?

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